Hodenhochstand: Betroffene Männer vor Unfruchtbarkeit schützen
Ein Hodenhochstand – der medizinische Fachterminus lautet Maldescensus Testis - zeichnet sich durch die falsche Position von einem oder beiden Hoden aus. Bei der Erkrankung befinden sich die Hoden nicht dauerhaft im Hodensack. Vielmehr sind die männlichen Geschlechtsorgane im Bauchraum oder Leistenkanal positioniert. Diese Fehlposition sollte frühmöglich korrigiert werden. Anderenfalls steigt das Risiko für Unfruchtbarkeit oder Hodentumoren massiv an. Für dieses Vorhaben stehen mehrere Behandlungsansätze zur Verfügung.

Wichtige Details zum Hodenhochstand
Ein Hodenhochstand ist dadurch gekennzeichnet, dass sich mindestens ein Hoden nicht in seiner natürlichen Position im Hodensack befindet. Bei einem sogenannten primären Hodenhochstand ist die Fehlbildung angeboren. Diese Fehllage kann durch einen Arzt direkt nach der Geburt diagnostiziert werden. Nur in Ausnahmefällen befindet sich ein Hoden zuerst in der richtigen Position und verändert seine Position danach. Dieser Fall wird als sekundärer Hodenhochstand bezeichnet. Mediziner differenzieren zwischen verschiedenen Formen des Hodenhochstands:
- Leistenhoden (Retentio Testis Inguinalis): Hoden befindet sich im Leistenkanal und kann nicht in Hodensack verlagert werden; häufigste Art des Hochstands
- Bauchhoden (Retentio Testis Abdominalis): Hoden ist in Bauchraum gewandert
- Gleithoden (Retentio Testis Präscrotalis): Hoden ist im unteren Leistenkanal-Bereich oberhalb des Hodensacks; Samenstrang zu kurz
- Pendelhoden bzw. Wanderhoden: im Hodensack befindlicher Hoden wird aufgrund reflexartiger Anspannung eines im Samenstrang befindlichen Muskels zum Leistenkanal bewegt; auslösende Faktoren sind sexuelle Erregung, Kälte oder Stress
Der Pendelhoden ist die einzige Form des Hodenhochstands, die keiner medizinischen Behandlung bedarf.
Welche Komplikationen erzeugt ein Hodenhochstand?
Im Anfangsstadium verursacht Hodenhochstand zumeist keine Komplikationen. Gesundheitliche Probleme entwickeln sich erst mit steigendem Alter:
- keine Beschwerden wie hormonelle Störungen im Baby- und Kindesalter
- psychische Belastung bei aufkommendem sexuellem Bewusstsein im Jugendalter
Wurde der Hodenhochstand bis zum Erwachsenenalter nicht behandelt oder tritt die Fehlposition erst in diesem Alter auf, drohen folgende Begleiterscheinungen:
- Hodendrehung bzw. Hodentorsion: Einschränkung der den Hoden versorgenden Gefäßen; drohendes Absterben der Hoden
- Leistenbruch: bedingt durch Schwachstellen des Leistenkanals, über die Eingeweide aus Bauchhöhle ausbrechen; Bruchsack mit Darmanteilen ragt in Leistenkanal
- Unfruchtbarkeit: geringere Zeugungsrate von Kindern
- Hodenkrebs: bei Männern mit operiertem Maldescensus Testis ist das Risiko für Hodenkrebs bis zu achtmal höher; ohne Therapie erhöht sich Risiko um das 30-fache
Ursachen des Hodenhochstands
Hodenhochstand hat zumeist genetische Ursachen. Treten Fehler in der Erbsubstanz ungeborener Kinder auf, folgen Störungen des Hodenabstiegs in der Schwangerschaft. Diese Störungen erscheinen entweder isoliert oder in Kombination mit anderen Fehlbildungen. Zusätzlich verweisen Ärzte auf Ursachen ohne genetischen Einfluss, die auf äußeren Komponenten basieren. In diese Riege reihen sich folgende Faktoren ein:
- Diabetes Mellitus bei der Mutter
- Alkohol- und Nikotinkonsum während der Schwangerschaft
- Umweltfaktoren wie spezielle Pestizide
- Schwangerschaften durch künstliches Einbringen von Samenzellen in Gebärmutterhöhle
Behandlungsoptionen im Überblick
Wurde die Fehlbildung durch körperliche sowie bildgebende Untersuchungen, Bluttests oder eine Bauchspiegelung diagnostiziert, raten Ärzte zu einer Behandlung. Diese Therapie verfolgt das Ziel, die falsch positionierten Hoden in einem frühmöglichen Stadium in den Hodensack zu verlagern. Durch diese Methode wird das Risiko für später auftretende Komplikationen minimiert. Andererseits kann der Hoden durch diese Maßnahme getastet werden und ist dadurch für eine körperliche Untersuchung verfügbar.
Hormonelle Therapie
Generell unterscheiden Mediziner zwischen zwei unterschiedlichen Behandlungsmethoden. Die konservative Therapie sieht einen Hodenabstieg durch Hormone vor. Dennoch sind die Erfolgsaussichten bei einer chirurgischen Hodenverlagerung höher. Im Rahmen einer hormonellen Behandlung setzen Ärzte die Botenstoffe GnRH und HCG ein, die als Nasenspray oder Spritze verabreicht werden. Die Erfolgschancen steigen, je näher sich die Hoden am Hodensack – dem Skrotum – befinden. Diese Therapieform schlägt bei jedem fünften Patienten an. Folgende Nebenwirkungen sind nicht auszuschließen:
- Säuglingen wachsen Schamhaare
- Penis nimmt in ungewöhnlichem Ausmaß an Größe zu
- auftretende Schmerzen im Genitalbereich
Operative Therapie
Im Gegensatz zur hormonellen Therapie sind die Erfolgsaussichten bei operativen Verfahren wesentlich höher. Einziges Manko: Die Hodenhochstand-OP gilt als anspruchsvoll. Deshalb sollten Chirurgen über ausreichend Erfahrung verfügen. Die Position des oder der Hoden entscheidet darüber, ob die offene oder laparoskopische OP-Variante bevorzugt wird.
Laparoskopische Hodenhochstand-Operation
Ein sogenannter Bauchhoden kann über das laparoskopische Verfahren erkannt und gleichzeitig operiert werden. Befindet sich der Hoden im direkten Umfeld des Leistenkanals, kann das Körperorgan sofort freigelegt und über den Leistenkanal unmittelbar in den Hodensack verlegt werden. Sind Leistenkanal und Hoden mehr als drei Zentimeter voneinander entfernt, erfolgt die OP in den folgenden zwei Schritten:
- Hoden und Samenstrang werden aus umliegendem Gewebe beseitigt
- nach sechs Monaten werden Hoden und Samenstrang in den Hodensack verlagert
Offene Hodenhochstand-OP
Ist der hochstehende Hoden von außen tast- oder durch eine Ultraschallkontrolle erkennbar, wird der Eingriff in aller Regel über die Leiste vorgenommen. Mediziner bezeichnen das Verfahren als inguinale Orchidopexie, der wie folgt durchgeführt wird:
- kleiner Einschnitt im Bauchfaltenbereich
- Freilegung des Leisten- und Gleithodens sowie des dazu gehörigen Samenstrangs
- Ertasten des Hodensacks über den Leistenkanal
- Anlegung einer Tasche zur Verlagerung des Hodens
Bei der offenen Operationsvariante ist es besonders wichtig, dass Hoden sowie Samenstrang derart freigelegt werden, dass sie in ihrer neuen Position keinen Zugkräften ausgesetzt sind. Ein dünner Faden wird an der Innenseite des Skrotums befestigt, damit sich der Hoden nach der Operation nicht in seine ursprüngliche Form verlagert. Eine andere Form des offenen Verfahrens ist die Autotransplantation. Diese Methode wird bei bestimmten Arten der Bauchhoden angewandt. Eine Autotransplantation ist bei den Patienten sinnvoll, deren den Bauchhoden versorgenden Gefäße zu kurz sind, um in das Skrotum verlegt zu werden. Dabei wird der Hoden von seinen Gefäßen abgetrennt und daraufhin mit Gefäßen aus der Bauchdecke verbunden, die sich näher am Skrotum befinden. Durch diesen Behandlungsansatz wird der Hoden effektiv durchblutet. Zudem kann der Hoden unkompliziert in das Skrotum verlegt werden.
Komplikationen der Hodenhochstand-Behandlung
Jede Operation kann, muss aber keine Risiken auslösen. In diesem Zusammenhang verweisen Chirurgen darauf, dass klassische Komplikationen wie Verletzungen von angrenzenden Nerven, Wundinfektionen oder Nachblutungen nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden können. Spezielle Begleiterscheinungen der Orchidopexie können wie folgt auftreten:
- durchtrennter Samenleiter mit eingeschränkter Fruchtbarkeit
- Schrumpfhoden bzw. Hodenatrophie nach einer Autotransplantation (verursacht durch Verletzung der den Hoden versorgenden Gefäße)
- wiederkehrender Hodenhochstand (besonders problematisch, da sich nach erster OP zumeist Vernarbungen bilden)
Mit Ausnahme der Hodenatrophie nach einer Autotransplantation werden Patienten nur selten mit den Komplikationen konfrontiert. Den etwaig auftretenden Risiken steht eine sehr hohe Erfolgsrate von 70 bis 90 Prozent gegenüber.
Vor- und Nachteile der Therapie bei Hodenhochstand
Hodenhochstand ist eine Fehlbildung, die einer dringenden medizinischen Behandlung bedarf. Wird ein hochstehender Hoden nicht durch Hormone oder operativ therapiert, drohen Folgeerkrankungen wie Hodenkrebs oder Unfruchtbarkeit.
Vorteile
- Risiko für Folgeerkrankungen wie Hodenkrebs oder Leistenbruch kann deutlich minimiert werden
- verschiedene chirurgische Verfahrensansätze sind optional wählbar
- Krankenversicherungen übernehmen Kosten bei medizinischer Indikation
Nachteile
- bei Autotransplantation besteht relativ hohes Risiko für Bildung eines Schrumpfhodens
- möglicherweise muss Laparoskopie unter bestimmten Voraussetzungen abgebrochen werden
- wiederkehrender Hodenhochstand nicht komplett ausgeschlossen