Eine Muskelbiopsie: was tun, wenn die Muskulatur erkrankt?
Erkrankungen der Muskulatur, auch als Myopathien bezeichnet, führen zu einer Schwächung betroffener Muskeln. Eine Vielzahl angeborener, stoffwechselbedingter oder entzündlicher Krankheiten bewirkt Veränderungen des Muskelgewebes. Messungen zur Nervenleitgeschwindigkeit in Muskeln per Elektromyogramm (EMG) oder Labortests sind mögliche Verfahren zur Bestimmung der Muskelstruktur. Darüber hinaus führt eine Untersuchung kleiner Muskelgewebestücke, die Muskelbiopsie, zur Klärung eines speziellen Krankheitsbilds. Zur Durchführung dieses Verfahrens untersuchen Ärzte in der Skelettmuskulatur enthaltenes Muskelgewebe.

Eine Muskelbiopsie: was ist das?
Unterschiedliche Krankheitsprozesse bewirken Schmerzen oder eine Muskelschwäche. Liegen Anomalien der Muskelstruktur vor, leiden Patienten und Patientinnen unter folgenden Beschwerden:
- Erkrankungen des Bindegewebes
- Erkrankungen des Nervensystems
- Erkrankungen des Gefäßsystems
- Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems
Im Normalfall raten Mediziner bei außergewöhnlichen oder atypischen Beschwerden zu einer Biopsie der Muskeln. Weiterhin kommt der Eingriff in Betracht, falls gesundheitliche Symptome in erster Linie sogenannte proximale – körperstammnahe – Muskeln betreffen. Die am häufigsten für die Biopsie verwendeten Muskeln sind folgende:
- Musculus Quadriceps: vierköpfiger Oberschenkelmuskel
- Musculus Tibialis Anterior: vorderer Unterschenkelmuskel
- Musculus Biceps: Oberarmbeugemuskel
Für eine Muskelbiopsie weniger geeignetes Gewebe sind Muskeln, die aufgrund unspezifischer Einwirkungen wie einer Nervenwurzelläsion, eingeklemmten Nerven oder direktem Trauma Schäden erlitten haben. Außerdem gelten die Muskeln als ungeeignet, die verletzt, häufigen Injektionen ausgesetzt oder innerhalb der vergangenen drei Wochen durch ein EMG untersucht worden sind.
Ziel der Behandlung
Das Ziel der Muskelbiopsie besteht darin, eine genaue Diagnose zu erhalten sowie entsprechende Maßnahmen zur Behandlung einzuleiten. Die Untersuchung ermöglicht es Ärzten, Anomalien des Bewegungsapparats der Patienten zu bemerken.
Wann empfehlen Ärzte die Untersuchung?
Ein Arzt empfiehlt diesen Eingriff, wenn die Symptomatik auf einen Abbau bzw. Schwächung der Muskulatur hinweist. Verweisen erste Untersuchungsergebnisse auf einen geschädigten Muskel und kann keine genaue Diagnose vorgenommen werden, ist die Biopsie sinnvoll. Für folgende Erkrankungen ist die Entnahme des Gewebes induziert:
- unklare Krankheiten an der Muskulatur
- systematische entzündliche Erkrankungen wie eosinophile Syndrome oder Vaskulitiden
- Entzündungen an Muskulatur wie Einschlusskörpermyositis oder Polymyositis
- kongenitale Myopathien wie Central-Core-Myopathie oder Nemalin-Myopathie
- toxisch verursachte Muskelerkrankungen wie Colchicin, Statine oder Chloroquin
- Neurogen bedingte Muskelatrophien wie ALS „Amyotrophe Lateralsklerose“ oder spinale Muskelatrophien
- durch Stoffwechselerkrankungen ausgelöste Myopathien wie Lipidspeichermyopathien
- mitochondriale Krankheiten wie Myoklonus-Epilepsie
- Muskeldystrophie bzw. Muskelschwund
- Rhabdomyolysen
Vorbereitende Maßnahmen auf die Gewebeentnahme
Nehmen Patienten bestimmte Medikamente regelmäßig zu sich, ist es wichtig, den behandelnden Mediziner über diese Pharmazeutika zu informieren. Möglicherweise ist es notwendig, Arzneimittel wie blutverdünnende Substanzen einige Tage vor der Therapie abzusetzen. Erfolgt die Biopsie an einem Kind unter Vollnarkose, ist diese Verfahrensweise erforderlich:
- sechs Stunden vor der Anästhesie: Verzicht auf Nahrung sowie Einnahme trüber Flüssigkeiten
- zwei Stunden vor der Anästhesie: Verzicht auf Einnahme klarer Flüssigkeiten (mit Ausnahme der Vorbereitungstablette samt Wasser)
Vorgehensweise der Biopsie der Muskulatur
Eine Biopsie der Muskeln ist ein vergleichsweise unkomplizierter Eingriff, den Mediziner unter lokaler Anästhesie durchführen.
Ärzte führen die Behandlung an einem gesichert erkrankten Muskel durch, der weder atrophisch noch vollständig verfettet ist. Die Basis für die Wahl eines geeigneten Muskels sind Resultate bereits erfolgter Untersuchungen wie der Kernspintomographie oder Sonographie. Ist die Gewebeauswahl nach diesen Kontrollen noch immer unzureichend, kommen ein MRT (Magnetresonanztomographie) oder EMG in Betracht. Damit fehlerhafte Diagnosen vermieden werden, umgehen Ärzte Biopsien in den Körperregionen, in denen intramuskuläre Injektionen durchgeführt oder EMG-Elektroden aufgesetzt wurden. Mediziner differenzieren zwischen zwei Formen der Biopsie:
- offene Gewebeentnahme
- Stanzbiopsie
Offene Biopsie
Die offene Gewebeentnahme hat sich als standardisiertes Verfahren durchgesetzt, bei dem der betäubende Wirkstoff in angrenzende Hautstrukturen injiziert wird. Ein daraufhin vorgenommener Schnitt verfolgt den Zweck, den ausgewählten Muskel freizulegen. Aus diesem Muskel entnehmen Chirurgen eine Gewebeprobe, um die Wunde anschließend zu vernähen.
Stanzbiopsie
Im Rahmen einer Stanzbiopsie entnehmen Ärzte das Muskelgewebe durch eine Biopsienadel. Diese Nadel wird perkutan – direkt unter der Haut – in den Muskel eingeführt. Im Gegensatz zum offenen Verfahren ist die Stanzbiopsie weniger invasiv. Allerdings beschränkt sich die Menge entnommener Proben auf ein Minimum.
Hegen Mediziner den Verdacht von Erkrankungen des Bindegewebes der Gefäße, entnehmen diese zusätzlich Unterhautfettgewebe, umliegende Hautteile sowie Faszie (Weichteile des Bindegewebes). Eine Überprüfung dieses Biopsats wird durch ein pathologisches Institut vorgenommen. Der Versand erfolgt beispielsweise über eine Plastik-Petrischale, die mit einem mit Ringerlösung befeuchteten Tupfer versehen ist, auf dem sich das Muskelgewebe befindet. Pathologen nehmen eine histologische Auswertung des Gewebes vor. Da die entnommenen Teile nur sehr kurz haltbar sind, erfolgt eine Übersendung durch den Kurier. Mediziner unterscheiden zwischen Formalin-fixierten und Glutaraldehyd-Proben, die separat vom untersuchten tiefgekühlten Muskelteil eingesendet werden. All diese Biopsate untersuchen Pathologen auf etwaig bestehende neuromuskuläre Erkrankungen. Zum Spektrum pathologischer Routineuntersuchungen gehören folgende Verfahren:
- PAS-Färbung bei überdurchschnittlich hoher Einlagerung von Glykogen bei McArdle-Erkrankung
- Ölrot-Färbung zur Überprüfung einer Lipideinlagerung bei Mangeleffekten der Carnitin-Palmitoyl-Transferase
- Elastika-van-Gieson-Färbung zur Diagnose einer Fibrose des endomysialen Bindegewebes bei Myopathien
- Hämatoxylin-Eosin-Färbung bei entzündlicher Infiltrate, ausgelöst durch Myositis
- modifizierte Gömöri-Trichrom-Färbung zur Bestimmung von Einschlusskörpern bei der Nemalin-Myopathie
- NADH-Reaktion zur Überprüfung des intermyofibrillären, oxidativen Netzwerks sowie damit verbundener Störungen bei einer Central-Core-Myopathie oder Multicore-Myopathie
Nach der Muskelbiopsie: hilfreiche Maßnahmen
Obwohl die Muskelbiopsie im Normalfall ambulant erfolgt, müssen Patienten und Patientinnen nach der Behandlung noch für einige Stunden unter Beobachtung bleiben. Fühlen sich Betroffene fit genug für den Heimweg, können behandelte Personen diesen auch antreten.
Um gesundheitliche Komplikationen zu vermeiden, sollte die Wunde in den ersten sieben Tagen nach der Gewebeentnahme nicht mit Wasser in Kontakt kommen. Zudem ist es wichtig, sich in den ersten Tagen körperlich zu schonen. Die Biopsie löst keine weitere Schwächung oder Schädigung des untersuchten Muskels aus. Sämtliche ärztlich empfohlenen Untersuchungstermine zur Nachkontrolle sind einzuhalten.
Gesundheitliche Risiken der Muskelbiopsie
Grundsätzlich hat sich die Muskelbiopsie als sehr risikoarmer Eingriff bewährt. Wundheilungsstörungen oder Infektionen sind allerdings nicht ausgeschlossen. Da das Skelett-Muskelgewebe als artefaktanfällig sowie maximal irritabel gilt, kann die Untersuchung Verletzungen des Gewebes sowie Quetschungen verursachen. Folgende Risiken sind durch die Gewebeentnahme ebenfalls erhöht:
- leichte Blutungen
- Blutergüsse
- Empfindungsstörungen
Eines der größten Risiken der Biopsie besteht darin, dass die Untersuchung keine endgültige Diagnose ermöglicht. Muskelfasern reagieren sehr sensibel. Schlimmstenfalls besteht ein erhöhtes Risiko dafür, dass Pathologen die Gewebeprobe nicht verwerten können. Tritt dieser Fall ein, muss die Biopsie wiederholt werden.
Vor- und Nachteile der Biopsie der Muskeln
Eine Muskelbiopsie ist eine Behandlung, die bei Unklarheiten über den aktuellen gesundheitlichen Zustand eines Patienten Gewissheit hervorruft. Um stärkere Schwächungen der Muskulatur zu vermeiden und Betroffene sachgemäß zu behandeln, ist die Entnahme des Muskelgewebes eine wichtige Voraussetzung.
Vorteile
- Gewebeentnahme bietet zumeist Gewissheit über Gesundheitszustand
- verschiedene Biopsiemethoden stehen zur Wahl
- risikoarmes Verfahren
- Kostenübernahme durch Krankenversicherungen bei medizinischer Indikation
Nachteile
- in Ausnahmefällen führt erste Biopsie nicht zu endgültiger Diagnose
- Nachsorgemaßnahmen für optimalen Heilungsprozess erforderlich
- Schmerzen können nach Behandlung einige Tage andauern
Häufige Fragen zum Thema Muskelbiopsie
Wozu dient eine Muskelbiopsie?
Sie soll eine genaue Diagnose ermöglichen und damit die passende Behandlung. Ärzte raten dazu, wenn die Symptome auf einen Abbau oder eine Schwächung der Muskulatur hinweisen und andere Untersuchungen keine klare Diagnose liefern. Erkennbar werden dadurch Anomalien des Bewegungsapparats.
Welche Muskeln werden untersucht?
Am häufigsten der vierköpfige Oberschenkelmuskel, der vordere Unterschenkelmuskel und der Oberarmbeugemuskel. Ungeeignet sind Muskeln, die durch eine Nervenwurzelläsion, eingeklemmte Nerven oder ein Trauma geschädigt wurden, ebenso verletzte Muskeln, solche mit häufigen Injektionen oder solche, die in den letzten drei Wochen per EMG untersucht wurden.
Welche Erkrankungen lassen sich so abklären?
Unklare Muskelerkrankungen, entzündliche Erkrankungen wie Polymyositis oder Vaskulitiden, angeborene Myopathien, toxisch verursachte Muskelerkrankungen, neurogene Muskelatrophien wie ALS, stoffwechselbedingte Myopathien, mitochondriale Erkrankungen, Muskelschwund und Rhabdomyolysen.
Wie wird das Gewebe entnommen?
Bei der offenen Biopsie, dem Standardverfahren, betäubt der Arzt die Haut, legt den Muskel über einen Schnitt frei, entnimmt eine Probe und vernäht die Wunde. Bei der Stanzbiopsie führt er eine Biopsienadel direkt unter der Haut in den Muskel ein, das ist weniger invasiv, liefert aber auch weniger Material.
Wird der Eingriff betäubt?
Bei Erwachsenen genügt eine örtliche Betäubung. Bei Kindern erfolgt die Biopsie unter Vollnarkose, sie müssen danach 24 Stunden von einer Aufsichtsperson überwacht werden.
Was ist nach der Biopsie zu beachten?
Die Wunde sollte sieben Tage lang keinen Kontakt mit Wasser haben. In den ersten Tagen ist körperliche Schonung wichtig. Eine weitere Schwächung oder Schädigung des untersuchten Muskels löst die Biopsie nicht aus.
Welche Risiken bestehen?
Das Verfahren gilt als sehr risikoarm. Möglich sind Wundheilungsstörungen, Infektionen, leichte Blutungen, Blutergüsse und Empfindungsstörungen. Weil Skelettmuskelgewebe sehr empfindlich ist, können bei der Entnahme Quetschungen entstehen. Das größte Risiko: Die Probe lässt sich nicht verwerten, dann muss die Biopsie wiederholt werden.