Den Verlauf der Harnwege korrigieren: mit einer Operation von Harnröhrenfehlbildungen
Bei fünf bis acht von 1.000 männlichen Neugeborenen diagnostizieren Ärzte eine sogenannte Hypospadie. Die Harnröhre ist verkürzt und mündet nicht an der Spitze, sondern der Penis-Unterseite. Bei etwa 70 Prozent aller betroffenen Kindern verläuft die Harnröhre an der Eichel-Unterseite. Dieses Krankheitsbild bezeichnen Urologen als vordere Hypospadie. Von einer mittleren Hypospadie ist die Rede, wenn sich die Harnröhrenöffnung am mittleren Penisschaft befindet. Erstreckt sich die Harnröhre über den Dammbereich oder die Hodensackregion, leiden die Kinder an einer hinteren Hypospadie.

Bedingt durch die verkürzte Harnröhre, krümmt sich der Penis bei dieser Erkrankung zumeist nach unten. Diese Krümmung verschlimmert sich bei Auftreten einer sogenannten Chorda, einem derben Strang in Form von Bindegewebe.
Wie kommt die Fehlbildung der Harnröhre zustande?
Die fehlgebildete Harnröhre ist auf eine Entwicklungsstörung im embryonalen Stadium zurückzuführen. Exakte Faktoren können Urologen nach aktuellem medizinischen Stand zwar nicht bestimmen. Vermutlich fließen jedoch genetische Komponenten ein, da Hypospadie in einigen Familien gehäuft auftritt. Ärzte raten an, die chirurgische Korrektur der Harnröhrenfehlbildung zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat vorzunehmen. Die OP schließt folgende Schritte ein:
- Harnröhrenspitze wird an Eichel-Spitze verlagert
- Verlängerung verkürzter Harnröhre
- falls notwendig: Beschneidung bzw. Neubildung der Vorhaut
- Entfernung der Verkrümmung des Penis
Der richtige Zeitpunkt einer Korrektur der Hypospadie
Mediziner erachten den 12. bis 18. Lebensmonat als günstigsten Zeitpunkt für die Operation. Ein operativer Eingriff im früheren Lebensalter ist eventuell notwendig, falls der Harnfluss aufgrund einer massiven Verengungen sowie verlagerten Harnröhre beeinträchtigt ist.
Eine mögliche Gegenanzeige liegt vor, wenn das Narkoserisiko der betroffenen Jungen aus medizinischer Sicht nicht tragbar ist. Eine Harnröhrenfehlbildung-Korrektur ist zwar sinnvoll, aber nicht lebensnotwendig. Deshalb sollte der Patient zum OP-Zeitpunkt völlig gesund sein.
Vor der Harnröhren-Korrektur: vorbereitende Schritte
Da die operative Korrektur erfahrungsgemäß unter Vollnarkose durchgeführt wird, dürfen betroffene Kinder am Vorabend ab 22 Uhr keinen Kaugummi, trübe Flüssigkeiten oder feste Speisen mehr zu sich nehmen. Spätestens ab zwei Stunden vor der Operation ist es ebenfalls untersagt, klare Flüssigkeiten einzunehmen. Im Bedarfsfall verordnet der behandelnde Urologe bereits einige Wochen vor der OP eine hormonhaltige Salbe. Dieses Medikament wird auf dem Penis aufgetragen, um das Gewebe zu verfestigen. Da sich der Penis durch dieses Arzneimittel leicht vergrößert, ist die Operation einfacher. Von einer Beschneidung vor der Operation wird abgeraten. Denn möglicherweise ist die Vorhautschürze nötig, um einen Teil der Harnröhre neu zu bilden.
Die Operation: der Verlauf im Detail
Da eine Operation bei einer Harnröhrenfehlbildung ein relativ umfassendes Verfahren ist, erfolgt die Korrektur stets unter Vollnarkose. Der Zeitansatz hängt von folgenden Komponenten ab:
- Ausprägungsgrad der Fehlbildung an der Harnröhre
- anatomische Voraussetzungen der Patienten
Die Dauer variiert zwischen einer sowie vier Stunden. Bei einem besonders komplizierten Krankheitsbild verlängert sich die Eingriffsdauer. Die favorisierte OP-Methode orientiert sich an der Ausprägung der Fehlbildung. Die Wahl des am besten geeigneten Verfahrens wird zwischen den Eltern sowie Urologen besprochen. Eine geläufige Methode ist die sogenannte Meatal Advancement and Glanuloplasty. Dieses Verfahren mit dem Kürzel „MAGPI“ wird in deutscher Sprache als „Vorverlagerung der Harnröhrenmündung samt kosmetischer Anpassung der Eichel“ übersetzt. Die OP-Variante kommt zum Einsatz, wenn die Harnröhrenöffnung im vorderen unteren Eichelbereich diagnostiziert wird und der Penis nicht verkrümmt ist. Die Vorhaut sowie die Haut des Penisschaftes werden operativ gelöst. Folgende chirurgischen Schritte schließen sich an:
- Aufschneiden der Eichel (von Spitze bis zur Harnröhrenmündung)
- Verlagerung der Öffnung der Harnröhre nach vorn (über spezielle Schnittführung)
- Verschluss der zwei entstandenen Flügel über eine Naht
- Einlegen eines Harnkatheters (um Harnröhre zu schienen sowie Harn abzuleiten)
Die korrigierende chirurgische Behandlung wird schwieriger, je mehr die Harnröhrenöffnung nach hinten gelagert ist. Stärkere Penis-Verkrümmungen erschweren den Eingriff ebenfalls. Häufig muss die Harnröhre über weite Strecken neu geformt werden. Diese Modellierung erfolgt im Bedarfsfall unter Verwendung von körpereigenem Gewebe wie Mundschleimhaut oder Vorhaut. Eventuell sind mehrere Operationen notwendig, um ein optimales Resultat zu erzielen.
Postoperative Behandlungsschritte
Der Umfang der Operation der Harnröhrenfehlbildung entscheidet darüber, ob der Eingriff ambulant oder stationär durchgeführt wird. Doch auch bei einer ambulanten Behandlung bleiben die jungen Patienten für einige Zeit nach der OP unter Beobachtung. Zumeist kombinieren Anästhesisten eine Vollnarkose mit einer örtlichen Betäubung. Diese Mischung lindert das Schmerzempfinden nach dem Aufwachen nach der Operation deutlich. Nach Nachlassen der Betäubung verordnet ein behandelnder Arzt möglicherweise ein Schmerzmittel. Der Katheter verweilt bis zu zwölf Tage im Körper der Patienten. Die Dauer zur Nutzung des Harnröhrchens hängt vom Schweregrad der Fehlbildung ab. Erst dann, wenn der Katheter gezogen ist, dürfen die operierten Kinder vorsichtig aufstehen, herumlaufen oder sich hinsetzen. Folgende Maßnahmen begünstigen den Heilungsprozess:
Ärztlich empfohlene Kontrolltermine sind durch Patienten strikt einzuhalten. Eine sofortige Konsultation bei einem Urologen ist dringend notwendig, falls das Kind an starken Schmerzen, Fieber, einem massiv geröteten Wundbereich oder Harnverhalt leidet.
Risiken der Operation
Eine Korrektur der Hypospadie ist ein vergleichsweise komplizierter Eingriff. Deshalb wird Betroffenen dringend angeraten, die Operation durch einen erfahrenen Urologen durchführen zu lassen. Beschwerden wie Nachblutungen, Wundinfektionen oder Schwellungen sind klassische Begleiterscheinungen nach dem operativen Verfahren. Ärzte verweisen darauf, dass der Harnabgang bei einigen Patienten nach der OP auf falschem Weg nach außen verläuft. Diesen Zustand bezeichnen Mediziner als Fistel. Typische Symptome dieser „Fehlfunktion“ sind Harnträufeln oder ein zweiter Harnstrahl.
Eine Harnröhrenfehlbildung operieren lassen: Vor- und Nachteile
Eine fehlgebildete Harnröhre ist auf eine Entwicklungsstörung zurückzuführen und schränkt Betroffene in ihrem Alltag ein. Wird die sogenannte Hypospadie jedoch im frühen Kindesalter korrigiert, sind die Erfolgsaussichten der Operation sehr hoch. Nur in Einzelfällen raten Ärzte von dem operativen Eingriff ab.
Vorteile
- erfolgreiche Harnröhrenfehlbildungs-Operation steigert Lebensqualität betroffener Jungen auf Lebenszeit
- Korrektur der Fehlbildung beeinflusst mehrere Lebensbereiche positiv (Harnabgang, Sexualleben)
- Risiken der Operation sind bei gut durchdachter Arztwahl relativ gering
- grundsätzlich ist OP in jedem Lebensalter durchführbar
Nachteile
- mehrstündige Operation (die zumeist eines stationären Krankenhausaufenthalts bedarf)
- umfassende Nachsorge beeinflusst Heilungsverlauf maßgeblich
- Bildung einer sogenannten Fistel nicht ausgeschlossen
- bei zu hohem Narkoserisiko wird OP nicht durchgeführt